Dr. Joseph Mercola
Im Jahr 1931 erhielt der deutsche Biochemiker Dr. Otto Warburg für die Entdeckung, dass Krebszellen einen komplett anderen Energiestoffwechsel haben als gesunde Zellen, den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Für die meisten Experten ist er der wichtigste Biochemiker des 20. Jahrhunderts. In seinem Laboratorium arbeitete unter anderem auch Dr. Hans Adolf Krebs, nach dem der Krebs-Zyklus1 benannt ist.

Der Krebs- oder Citrat-Zyklus bezieht sich auf die oxidativen Abbaureaktionen in den Mitochondrien. Worin also unterscheidet sich die metabolische Inflexibilität der Krebszellen von gesunden Zellen?
Eine Zelle kann auf zwei Arten Energie erzeugen: aerob in den Mitochondrien oder anaerob im Zytoplasma. Bei letzterem Vorgang wird Milchsäure – ein toxisches Abbauprodukt – gebildet. Warburg fand heraus, dass Krebszellen unter Einwirkung von Sauerstoff zu viel Milchsäure produzieren. Dies wurde als Warburg-Effekt bekannt.
Die mitochondrische Energiegewinnung ist weit effektiver: Sie erzeugt bis zu 32-mal mehr Energie in Form von Adenosintriphosphat (ATP) als die anaerobe Energieproduktion.
Warburg schlussfolgerte, dass die Hauptursache für Krebs die Umkehr der Energiegewinnung von der aeroben Form zu einer primitiveren Form, der anaeroben Fermentierung, sei.
Um Krebs zu heilen, so Warburg, müsse man den Kreislauf der Energiegewinnung, der den Tumor nährt, unterbrechen. Und indem man den aeroben Energiestoffwechsel wiederherstellt, könnte man den Krebs »aushungern« und zum Abklingen bringen.
Warburg konnte seine Hypothese nie hieb- und stichfest beweisen, verteidigte sie aber bis zu seinem Tod im Jahr 1970. Eines seiner Lebensziele bestand darin, ein Mittel gegen Krebs zu finden. Bedauerlicherweise – und so typisch für die Wissenschaft – wurden seine Theorien außer von seinen direkten Kollegen von der konventionellen Lehre niemals anerkannt – bis jetzt.
Die New York Times2 veröffentlichte vor Kurzem einen detaillierten Artikel über die Geschichte der modernen Krebsforschung, unter anderem auch Warburgs Theorien über Krebs, die inzwischen auf mehr Akzeptanz stoßen.
Zucker nährt Krebs
Warburgs Entdeckung besteht – vereinfacht gesagt – darin, dass sich Krebszellen hauptsächlich durch das anaerobe Verbrennen von Zucker ernähren. Ohne Zucker fehlt den meisten Krebszellen schlicht die metabolische Flexibilität, um zu überleben. In dem Artikel in der New York Times ist zu lesen:
»Der Warburg-Effekt tritt in schätzungsweise bis zu 80 Prozent aller Krebsfälle auf. Die Positronen-Emissions-Tomografie (PET), ein wichtiges Werkzeug zur Stadienbestimmung und Diagnose von Krebs, stellt die Regionen im Körper fest, wo Zellen besonders viel Glukose konsumieren.
In vielen Fällen ist die Prognose für den Patienten umso schlimmer, je mehr Glukose der Tumor verbraucht.«
Leider verliefen sich Warburgs Theorien schnell im Obskuren, als Wissenschaftler ihr Augenmerk auf die Genetik richteten. Die Molekularbiologen Dr. James Watson und Dr. Francis Crick entdeckten im Jahr 1953 die DNA, und von da an konzentrierte sich die gesamte Krebsforschung hauptsächlich auf die Genetik.
Die Hypothese von der Vererbung kam noch mehr in Fahrt, als Dr. Harold Varmus und Dr. Michael Bishop im Jahr 1976 den Nobelpreis für den Nachweis von viralen Krebsgenen in der DNA von Krebszellen erhielten.
Das Warburg-Revival
Es sollte noch 30 Jahre dauern, ehe die nächste große Revision der vorherrschenden Krebshypothese anstand. Das Projekt des »Cancer Genome Atlas«, in dem alle Mutationen verzeichnet werden sollten, die man für krebsauslösend hält, kam im Jahr 2006 zu einem erstaunlichen Schluss: Die genetischen Mutationen sind in Wirklichkeit viel beliebiger, als zuvor angenommen wurde.
Tatsächlich sind sie derart zufällig, dass es eigentlich unmöglich ist, den genetischen Ursprung von Krebs näher zu bestimmen. Bei einigen Krebstumoren waren sogar gar keine Mutationen nachzuweisen. Statt die schlussendlichen Beweise zu liefern, die dem Krebs endlich ein Ende setzen würden, enthüllte der Cancer Genome Atlas etwas, das in der Gleichung bislang völlig gefehlt hatte.
Im Lauf der Zeit begannen Forscher zu überlegen, ob die Entstehung von Krebs tatsächlich mit Warburgs Theorie über den Energiestoffwechsel zu tun haben könnte. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler erkannt, dass es nicht die genetischen Defekte sind, die Krebs verursachen.
Vielmehr treten zuerst mitochondrische Schäden auf, die dann die kerngenetischen Mutationen hervorrufen. Die New York Times schreibt:
»Normalerweise sind in einem einzigen Krebs vielerlei Mutationen zu erkennen. Aber der Körper hat nur eingeschränkte Möglichkeiten, Energie zu erzeugen und das Wachstum anzukurbeln. Krebszellen sind auf diese Kraftstoffe auf eine andere Art angewiesen als gesunde Zellen.
Die Wissenschaftler an der Spitze des Warburg-Revivals hoffen, dass sie das Tumorwachstum verlangsamen – oder sogar anhalten – können, indem sie eine oder mehrere der vielen chemischen Reaktionen unterbrechen, die eine Zelle wuchern lassen. Und dass sie dadurch den Krebszellen die Nahrung entziehen, die sie dringend zum Wachsen brauchen.
Sogar Dr. James Watson, einer der Väter der Molekularbiologie, ist überzeugt, dass die Einwirkung auf den Stoffwechsel in der derzeitigen Krebsforschung vielversprechender ist als die genzentrierte Herangehensweise …
›Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals den Krebs-Zyklus lernen müsste‹, so Watson in Bezug auf die Art und Weise, wie sich eine Zelle mit Energie versorgt. ›Jetzt habe ich erkannt, dass es wohl nötig ist.‹«
Krebsauslösende Gene regulieren die Nährstoffaufnahme der Zellen
Die genetische Komponente ist jedoch noch nicht ganz auf der Strecke geblieben. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eine Reihe von Genen, die nachweislich Krebs hervorrufen können, indem sie die Zellteilung beeinflussen – darunter ein Gen namens AKT –, auch die Nährstoffaufnahme der Zellen kontrollieren. Bestimmte Gene spielen beispielsweise anscheinend eine Rolle in der übermäßigen Zuckeraufnahme von Krebszellen.
In der New York Times heißt es weiter:
»Dr. Craig Thompson, Präsident und Geschäftsführer des Memorial Sloan Kettering Cancer Center, gehört zu den entschiedensten Verfechtern dieses neuen Blicks auf den Stoffwechsel …
Seine Forschungsarbeit zeigte, dass Zellen Instruktionen von anderen Zellen brauchen, um sich zu ernähren, genau wie sie Instruktionen von anderen Zellen brauchen, um sich zu teilen.
Thompson vermutete: Wenn er die Mutationen identifizieren könnte, die eine Zelle dazu bringen, mehr Glukose aufzunehmen, als sie sollte, käme er der Erklärung, wie der Warburg-Effekt und Krebs anfangen, einen großen Schritt näher.
Das Protein, das das AKT-Gen produziert, ist Teil einer Kette von Signalproteinen, die in bis zu 80 Prozent aller Krebsarten mutiert ist. Thompson sagt, dass eine Zelle, wenn diese Proteine erst einmal in den Schnellgang geschaltet haben, nicht mehr auf die Signale anderer Zellen hört und sich stattdessen mit Glukose vollstopft.
Thompson fand heraus, dass er den ›vollen Warburg-Effekt‹ hervorrufen kann, indem er einfach ein aktiviertes AKT-Protein in eine normale Zelle einbaut. Laut Thompson tut die Zelle dann das, was jeder einzellige Organismus tut, wenn Nahrung vorhanden ist: so viel essen, wie sie kann, und möglichst viele Kopien von sich selbst produzieren.«
Während gesunde Zellen einen Reaktionsmechanismus haben, der sie Ressourcen bilden lässt, wenn wenig Nahrung vorhanden ist, haben Krebszellen diesen Mechanismus nicht und fressen kontinuierlich weiter.
Dr. Chi Van Dang, Direktor des Abramson Cancer Center an der University of Pennsylvania, bestätigt, dass Krebszellen »süchtig auf Nährstoffe« sind und »wenn sie nicht genug konsumieren können, zu sterben beginnen. Die Abhängigkeit von Nährstoffen erklärt, warum Veränderungen in den Stoffwechselreaktionen so häufig sind und erstmals passieren, wenn sich eine Zelle in Richtung Krebs entwickelt«.
Neue Behandlungswege lassen Krebspatienten hoffen
Die brillante koreanische Biochemikerin Dr. Young Hee Ko, die Anfang der 2000er-Jahre mit Peter Pedersen, Professor für Biochemie und Onkologie an der John Hopkins University in Baltimore, zusammenarbeitete, machte eine erstaunliche Entdeckung, die Krebspatienten Grund zur Hoffnung gibt. Heute ist Ko Chefin von KODiscovery im BioPark der University of Maryland und führt ihre Arbeit auf dem Feld des Zellstoffwechsels bei Krebs und neurogenerativen Erkrankungen fort.
Ko und Pedersen beobachteten, dass Krebszellen, wenn sie zu viel Milchsäure produzieren, auch mehr Poren namens Monocarbonsäure-Transferphosphate produzieren müssen, um die Milchsäure auszuleiten, sonst würde die Zelle von innen nach außen absterben. Wie erwähnt, ist Milchsäure eine toxische Substanz. Als Ko darüber nachdachte, wie man diesen funktionalen Unterschied zwischen normalen und Krebszellen nutzen könnte, erinnerte sie sich an eine Komponente namens 3-Bromopyruvat (3BP), die sie für ihre Doktorarbeit studiert hatte.
Dieses Molekül ähnelt der Milchsäure, ist aber hoch reaktiv. Ko glaubte, dass 3BP in der Lage sein könnte, in die Pore zu schlüpfen, durch die die Milchsäure aus der Krebszelle ausgestoßen wird. Ihre Vermutung bestätigte sich. In mehr als 100 Laborversuchen vertrieb 3BP alle chemotherapeutischen Wirkstoffe, die sie zum Abgleich heranzog. Kurz gesagt: 3BP »schmilzt« Tumore, indem es die Milchsäure daran hindert, aus der Krebszelle zu sickern, und diese somit von innen her abtötet.
Ein altes Diabetes-Mittel könnte im Krieg gegen Krebs ein neues Anwendungsgebiet finden
Interessanterweise hat sich Metformin, ein Arzneistoff zur Blutzuckersenkung bei Diabetes, ebenfalls als wirksam gegen Krebs erwiesen – eine weitere Bestätigung von Warburgs Theorie, dass Krebs in einem zuckerarmen Umfeld nicht gedeihen kann. In dem New York Times-Artikel heißt es:
»In den nächsten Jahren wird Metformin vermutlich in der Behandlung – oder zumindest in der Prävention – einiger Krebsarten eingesetzt werden. Weil Metformin eine Reihe von Stoffwechselreaktionen beeinflussen kann, ist der genaue Mechanismus, mit dem es seine Antikrebswirkung erzielt, noch umstritten. Aber die Ergebnisse zahlreicher epidemiologischer Studien sind eindeutig.
Diabetiker, die Metformin einnehmen, entwickeln anscheinend weit seltener Krebs als Diabetiker, die es nicht bekommen.
Am Ende seines Lebens war Warburg nahezu besessen auf seine Ernährung fixiert. Er glaubte, dass die meisten Krebsarten vermeidbar sind und dass Chemikalien im Essen und in der Landwirtschaft Tumore verursachen, indem sie die Atmung beeinflussen. Er aß nur noch selbst gebackenes Brot und trank Milch nur von einer von ihm ausgewählten Kuhherde …
Warburgs persönliche Diät ist wohl kein gangbarer Weg der Krebsvorsorge. Aber durch das Warburg-Revival waren Forscher in der Lage, eine Hypothese darüber zu entwickeln, wie die Ernährungsweisen, die für unsere Adipositas- und Diabetes-Epidemien verantwortlich sind – insbesondere eine zuckerreiche Ernährung, die zu einem dauerhaft erhöhten Insulinspiegel führt –, in Zellen den Warburg-Effekt und Krebs auslösen.«
Obwohl Metformin sehr wahrscheinlich positiv auf mitochondriale Störungen wirken kann, gibt es meiner Meinung nach weit bessere Optionen, denn Metformin wird mit Vitamin-B12-Mangel in Verbindung gebracht. Berberin ist ein natürliches pflanzliches Alkaloid und viel sicherer, funktioniert aber ganz ähnlich. Beide sind jedoch völlig fehl am Platz, wenn man nicht den täglichen Eiweißkonsum auf weniger als ein Gramm pro Kilogramm magere Körpermasse (Körpergesamtmasse ohne Körperfettanteil) und die Zufuhr von Nettokohlenhydraten auf höchstens 40 Gramm täglich reduziert.
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